Kurzgeschichten

Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen, Literatur

Kurzgeschichte Das Kalb Christian Heynk

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Das Kalb
© Christian Heynk

Robin kam nach Hause, schleuderte den Rucksack in die Ecke und setzte sich an den Küchentisch.
„Wie war’s?“, fragte die Mutter.
„War ok!“, sagte Robin und meinte es auch so. Tatsächlich dachte er über die Vorfälle am Morgen nicht groß nach. Er hatte sich ein bisschen mit Nico gekebbelt, er hatte das Pausenbrot an einer Tankstelle auf dem Weg in den Mülleimer geworfen, und hatte sich auf dem Gehöft des Bauern mehrmals in die Nähe von Svenja zu begeben versucht, bisweilen, um einen Blick auf ihre schönen, jungen Beine zu erhaschen, bisweilen, um mit ihr irgendwie ins Gespräch zu kommen. Aber eigentlich hatte der Morgen keinen großen Eindruck hinterlassen. Wenn überhaupt, dann war Robin sich nun sicher, dass er kein Bauer werden wollte. Insofern hatte der Morgen einen kleinen Beitrag zu seiner Berufsfindung geleistet, mehr aber auch nicht.
„Na, erzähl doch mal!“
„Oh, Mama!“, erwiderte Robin genervt, „es war ok, ok?“.
Robins Mutter lächelte gequält. Egal, wie oft sie sich sagte, dass er in der Pubertät sei und seine Wortkargheit nur natürlich, versetzte es ihr doch immer einen kleinen Stich, wenn er so schroff zu ihr war. In solchen Momenten besah sie sich ihn sehr genau, diesen pickligen, kleinen Jungen, frech, rotzig und hilflos, wie er das liebevoll zubereitete Essen hastig und leicht angewidert in sich hinein schaufelte. Sie besah sich seine Kraterpickel mit den verkrusteten Rändern, und die abgenutzte Baseballkappe, die er zum Essen noch abnahm. Sie besah sich ihn und empfand trotz allem noch Liebe für ihn. Ihr Mutterherz schlug immer noch für dieses kleine Monster, weil sie hinter all dem Gehabe ihres Sohnes diesen Funken Anstand aufsprühen sah, der sie versicherte: Mein Junge ist ein guter Kerl.

Und das war er auch: Robin war ein guter Kerl.

*

„Es bewegt sich nicht“, hatte Svenja gesagt. „Wieso bewegt es sich nicht?“, hatte sie dann gefragt. Aber sowohl sie als auch ihre Mitschüler kannten die Antwort. Sie war in den Köpfen der Mitschüler noch nicht formuliert, keiner sagte den Satz, der die Situation beschrieb, in Gedanken vor sich her. Aber alle spürten instinktiv, was passiert war. Der erschöpfte Ausdruck des Bauern und die konsternierten Blicke der Lehrerin sprachen Bände.

*

Bei Annabell lag die Sache ganz anders. Sie kam verheult nach Hause. So verheult, dass ihre Mutter sie erst einmal in den Arm nehmen musste.
„Was ist denn los, mein Kind?“, fragte Annabells Mutter.
Aber nun, da Annabell den schützenden Hafen ‚Familie‘ erreicht hatte, brachen all die aufgestauten Emotionen erst recht aus ihr hervor. Die Fahrt im Bus über, und den ganzen Weg nach Hause hatte sie sich zusammengerissen, gerade vor den Jungs hatte sie sich keine Blöße geben wollen, aber die Gedanken waren in ihrem Kopf umher gewirbelt, ungreifbar, und schon gar nicht zu ordnen. Und das, was der Anblick des Kalbs in ihr ausgelöst hatte, verfinsterte ihr Seelenleben.
Sie schluchzte laut, dann quollen die Tränen wie Wasser aus undichten Leitungen hervor, erst zögerlich, dann druckvoll. Begleitet wurden diese Tränen und dieses laute Schluchzen von den Bewegungen eines zitternden, zarten Körpers. Konvulsionen des Torsos wechselten sich mit nachgebenden Beinen ab.
„Was ist denn passiert, mein Kind?“, fragte Annabells Mutter erneut, und strich ihrem Kind behutsam über den Kopf. Fast drei Minuten lang wiederholtes sie diese Frage, wie ein Mantra, und immer und immer wieder fuhr sie mit ihrer Hand über den blonden Schopf ihrer Tochter. Erfahrungsgemäß stellte sich dann irgendwann bei dem Kind so etwas wie Beruhigung ein, aber Annabells Mutter war schon erstaunt, wie lange es diesmal dauerte. Sie fragte sich, ungeduldiger werdend, was auf dem Bauernhof passiert sein mochte.
„Bringst du mich ins Bett?“, fragte Annabell unvermittelt.
„Du willst jetzt schlafen?“, fragte Annabells Mutter verwundert. „Es ist vier Uhr!“
„Ich will mich nur kurz ausruhen, Mama! Bitte!“
Annabells Mutter wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Einerseits war sie gewillt, dem Wunsch ihrer Tochter nachzugeben, andrerseits fielen ihr die Worte ihres Mannes wieder ein.
„Du verzärtelst sie“, hatte er gesagt. „Du musst lernen, dass du sie vor der Welt nicht beschützen kannst. Lass sie ihre Erfahrungen machen, sie wird es schon überleben. Und das wird sie stärker machen!“
„Komm“, sagte Annabells Mutter, „wir trinken jetzt einen Tee und dann erzählst du mir, was passiert ist, okay!“
Annabell schluckte laut, dann nickte sie behutsam.
„Aber ich will einen heißen Kakao, mit Sahne“, forderte sie.
„Bekommst du“, sagte die Mutter.

*

„Boäh, wat stinkt dat hier!“, hatte Robin bei der Ankunft auf dem Bauernhof gesagt. „Nico, hast du einen fahren lassen?“.
Robin hatte diese Frage extra laut gestellt und dann hämisch gelacht. Gleichzeitig schielte er zu Svenja hinüber. Lachte sie? Drehte sie sich zu ihm um?
Nein. Sie ging mit Annabell und Kirsten Richtung Hof. Dort stand der Bauer mit mächtigen Unterarmen und großen Pranken. Er trug eine blaue Latzhose und schwarze Gummistiefel. Er war fett und hatte ein rundes Gesicht. Er wirkte gutmütig und gelassen. Die meisten Kinder mochten ihn augenblicklich.
„No, Kinder“, sagte er. „Genießts ühr die Landluft?“

*

Nico kam zurück in ein leeres Haus. Er stand im Flur, die Haustür fiel ins Schloss und das dadurch erzeugte Geräusch verhallte im mit Marmorfliesen ausgelegten Gang. Er ging in die Küche und öffnete den großen Kühlschrank. Für gewöhnlich kochte seine Mutter für die Woche vor, aber diese Woche war sie mit dem Vater in den USA, und so befand sich nur Tiefkühlkost im obersten Fach. Großzügig wie Nicos Eltern nun einmal waren, hatten sie ihm hundertfünfzig Euro für die Woche ihrer Abwesenheit dagelassen. Am Mittwoch würde Nicos älterer Bruder, der schon studierte und nicht mehr zuhause wohnte, vorbeikommen und ihm eventuell mehr Geld geben, sollten die hundertfünfzig Euro aus unerfindlichen Gründen nicht reichen.
Nico rief den Pizzalieferservice an. Er kannte die Nummer auswendig, schließlich hatte er diesen Lieferservice schon des Öfteren bemüht, um seinen Hunger zu stillen.
„Einmal Saltimbocca alla Romana, bitte!“, sagte Nico, als am anderen Ende der Leitung die entsprechende Frage kam.
„Wir haben heute auch Kalbsfilet im Angebot!“.
Bei dem Wort Kalb wurde Nico ein wenig übel. Kalb, dachte er. Nach heute Morgen weiß ich gar nicht, ob ich je wieder Kalb essen kann. Dann überlegte er, ob Saltimbocca nicht auch aus Kalb oder Rind war. Er traute sich nicht zu fragen, sondern bestätigte stattdessen einfach nochmal die Bestellung.
„Nein, ich bleibe beim Saltimbocca!“
„Wir sind in fünfundzwanzig Minuten da!“
„Ok!“

Nach dem Essen ging Nico in sein Zimmer. Er machte sich sofort an die Hausaufgaben. Er war für sein Alter sehr diszipliniert und er las ungewöhnlich viel, vor allem Jugendromane. Von einem Freund seines Vaters hatte er ‚Der Fänger im Roggen‘ geschenkt bekommen. Er hatte es schon zur Hälfte durch.
Er hatte sich mittlerweile an das Alleinsein gewöhnt. Man konnte fast meinen, er mochte es. Das große, schöne Haus, die teuren Möbel aus Holz, der saubere Boden und die Aufgeräumtheit der einzelnen Zimmer gaben ihm das Gefühl, in einem Hotel zu leben.
Als er mit den Hausaufgaben fertig war, ging er mit dem Buch nach unten ins Wohnzimmer. Er zündete einen Holzscheit im Kaminofen an, machte es sich auf der Couch bequem, breitete die Kaschmirdecke über seine Beine und Füße, und schlug das Buch auf.
Unmittelbar bevor er zu lesen begann, kehrten seine Gedanken plötzlich zu dem Morgen zurück. In seinem Kopf spielten sich nochmals die Szenen ab. Die Fahrt zum Hof, die Kichereien der Mädchen, der Geruch der Ställe, die etwas klobig und wenig feinsinnig wirkend Menschen am Hof und das Kalb.
Das Kalb.
Nico hatte noch nie erlebt, wie die Stimmung einer Gemeinschaft, einer Gruppe von Leuten sich so schnell änderte. Eben hatten er und seine Mitschüler noch laut gelacht, feixend gegrinst und neugierig und interessiert zum Bauern geguckt. Sie hatten ihre Sprüche gemacht, immer darauf bedacht, dass die Mädchen die Sprüche auch hörten, und nach jedem Spruch zu den Mädchen herüber geschielt, um zu sehen, ob sie ein Lächeln auf die schönen Lippen der jungen Mädchen gezaubert hatten.
Auch Nico war in Svenja verknallt, aber Robin hatte so etwas wie ein unausgesprochenes Vorrecht. Dabei schien es Nico eher so, als interessiere sich Svenja mehr für ihn als für Robin. Aber sicher war er sich nicht.
Jedenfalls, als das Kalb auf dem Boden lag, und als Svenja diese ziemlich dämliche Frage stellte, war plötzlich etwas mit ihnen allen passiert. Es kam Nico nun vor, als hätte der Himmel sich plötzlich zugezogen, als hätten Donner und Blitz unsichtbar über dem Hof eingeschlagen, und als wäre lähmende Elektrizität durch die Körper aller Umstehenden gefahren. Nico erinnerte sich an diesen Moment, den er von Schweigeminuten im Fernsehen kannte. Plötzlich waren die Laute verstummt, plötzlich war es still geworden. Keiner rührte sich. Und diese stille Untätigkeit schien unendlich, dabei dauerte sie tatsächlich nur wenige Sekunden. Nico glaubte, dass etwas mit ihnen passiert war. Sie hatten etwas gesehen, und sie waren aufgrund des Gesehenen nicht mehr dieselben Kinder wie vorher.

Nico realisierte das. Er war ja nicht dumm. Er konnte schon viele Dinge aussprechen, die manche seiner Mitschüler nur dumpf empfanden.

*

„Ihr hobst Glück hait“, hatte der Bauer gesagt. „Die Berta kalbt nämlich hait!“
„Wat sacht der“, fragte Robin. „Ich versteh den gar nich!“
„Er hat gesagt, dass eine Kuh heut ihr Junges zur Welt bringen wird. Sie kalbt!“, erwiderte die Lehrerin in ihrer klaren, deutlichen Sprache. Sie zog die Wörter immer etwas, um sie besser verständlich zu machen, aber den Schülern ging diese Art des Sprechens manchmal auf die Nerven. Auch wenn sie ihre Klassenlehrerin eigentlich ganz nett finden.
„Gonz rächt!“, sagte der Bauer wieder. „Die Buerta krigt oa kind, verstehts!“
Die Schüler fanden den Dialekt des Bauern lustig.
„Ich glaub, das ist Schwäbisch!“, sagte Nico.
„Nee, Boirisch“, äffte Malte den Bauern nach. Sie lachten.
„Schauts euch örst oimal um, ich ruof oich dann wenns sowoit is!“, sagte der Bauer.
Die Schüler verteilten sich über den Hof.

*

Als Svenja nach Hause kam, saß die Familie schon am Mittagstisch. Die Mutter kam sogleich auf sie zu, herzte sie und nahm ihr die Jacke ab.
„Wir haben schon auf dich gewartet!“, sagte die Mutter. „Wie war’s auf dem Bauernhof!“
„Ein Kalb ist tot geboren worden“, sagte Svenja. Sie klang nüchtern, aber wie sie den Satz sagte, wurde ihr etwas anders zumute.
Svenjas Mutter fiel die Kinnlade herunter.
„Was?“, fragte sie entgeistert.
„Naja“, sagte Svenja. „Wir haben uns die Geburt eines Kalbs angesehen. Aber es war eine Totgeburt!“
Svenjas Mutter rang nach Worten.
„Und…und…und du hast das gesehen?!“, sagte sie, und man erkannte an ihrer Stimmlage, dass das anfängliche Entsetzen bald überschäumender Wut Platz machen würde.
„Ja!“, sagte Svenja lakonisch. Sie schluckte. Es war als sprang das Entsetzen und die Entrüstung ihrer Mutter nun auf sie über.
„Und … die Lehrerin?“
„Wie … die Lehrerin?“
Svenja wusste nicht, worauf sie hinaus wollte.
„Na, was hat die Lehrerin gemacht?“
„Na, nichts. Zugeguckt!“, erwiderte Svenja.
„Das geht doch nicht. Sie hätte etwas tun müssen. Sie hätte euch wegschicken müssen, oder die Tür zum Stall schließen müssen, oder das tote Kalb abdecken müssen!“
Svenja überlegte. Hatte die Lehrerin falsch reagiert? Niemand von den Mitschülern hatte der Lehrerin Vorwürfe gemacht. Aber warum regte ihre Mutter sich so auf? Vielleicht hatte die Lehrerin ja wirklich etwas tun müssen? Svenja realisierte, dass ihre Antwort eine Bedeutung haben könnte.
„Nein, sie hat nichts gemacht“, sagte Svenja. „Sie hat einfach nur zugeguckt!“

*

„Kommts alle mol her!“, hatte der Bauer über den Hof gerufen.
In Windeseile waren die Kinder herbeigeeilt. Das wollten sie sich nicht entgehen lassen.
Als sie bei der dicken Berta ankamen, lag diese schon im Stroh. Die Vorderläufe des Kalbs lugten schon hervor. Der Bauer stand nur daneben und tat nichts.
„Müssen sie ihr nicht helfen?“, fragte Annabell forsch.
„Iwo, die schofft des scho‘ alloine“, sagte der Bauer.
„Wieso ist sie denn in ein Kondom eingewickelt“, fragte Robin grinsend. Die Jungs lachten.
„Des is kein Kondom“, griente der Bauer. „Des is die Fruchtblase!“
Berta gab ein lautes Muhen von sich. Kurz drauf traten die Vorderbeine des Kalbs langsam aus der Schamspalte.
„Des sind die Austroibungswehn‘“, sagte der Bauer und gefiel sich sichtlich als Lehrer.
Eine Weile passierte gar nichts.
Dann, nach zehn Minuten, presste Bertha erneut. Die Fruchtblase platzte und das Maul des Kalbes war zu erkennen. Anabell und Svenja waren zugleich angewidert und fasziniert von dem Schauspiel. Iiiiiiih, sagten sie, und Eklig, aber trotzdem konnten sie sich von dem Spektakel nicht lösen. Robin, Nico und die anderen Jungs sagten nichts. Sie versuchten cool und abgeklärt zu wirken, auch wenn es in manchen Bäuchen schon rumorte.
Das Widerwärtigste war die schleimige Blase, die das Kalb umgab. Robin dachte an den Film Alien, Nico an einen Film, dessen Titel ihm nicht mehr einfiel, aber in dem es um einen gefräßigen Wackelpudding ging, der sich über die Bewohner einer amerikanischen Kleinstadt hermachte. Svenja und Annabell ekelten und fürchteten sich vor allem wegen des Blutes, das sich mit der gallertartigen Masse der Fruchtblasse vermischte und von langen, ledernen Strängen tropfte, die wie freigelegte Blutadern aussahen.
Bertha bekam erneut eine Presswehe. Bei dieser Wehe ging alles sehr schnell, das Kalb flutschte geradezu der Länge nach aus der Schamspalte.

Die Schüler klatschten. Der Bauer jedoch beachtete die Schüler nun nicht mehr und trat näher an das Kalb heran. Berta stand schnell auf und begann, das Kalb abzulecken.

„Es bewegt sich nicht“, sagte Svenja. „Wieso bewegt es sich nicht!“

Das Kalb lag leblos im Stroh. Der Bauer hatte sein freundliches Grinsen verloren. Die Lehrerin schien ebenfalls konsterniert, fasste sich aber dann und bat die Kinder, wieder auf den Hof zu gehen. Robin und Nico gingen nebeneinander her. Robin überlegte, einen Witz zu machen, um Abgebrühtheit zu demonstrieren und die Situation aufzulockern. Nico dachte und sagte nichts. Annabell lief leicht verstört zurück zum Hof. Irgendwie war sie tief berührt gewesen von dem Anblick des toten Kalbes, aber unterdrückte die aufquellenden Tränen so gut es eben ging. Svenja fragte die Lehrerin, ob man nun den Tierarzt rufen müsse.

Die Lehrerin schaute Svenja an. Sie wirkte abwesend.
„Ich weiß es nicht“, sagte sie schließlich.

***


Buchtipp
Wer mehr von Christian Heynk lesen möchte, findet die Kurzgeschichte „Scharlachroter Honigesser“ in dem Buch
Der Mann, der vergewaltigt wurde
Der Mann, der vergewaltigt wurde
und andere Geschichten

***

Written by Ronald

3. Februar 2010 at 10:16

Kurzgeschichte – Sprachlos GJ Matthia

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Sprachlos
© Günter J. Matthia

Die Finger bewegten sich nur Zentimeter über der Tastatur, doch fanden sie kein Ziel. Es mangelte an Befehlen vom Gehirn, weil dem Gehirn Worte mangelten, die niederzuschreiben sich gelohnt hätte. Satzfetzen, Bruchstücke von Gedanken, Handlungsfäden, die richtungslos waren, literarische Sackgassen von erstaunlich kurzen Dimensionen waren alles, was der Autor finden konnte. Er wollte schreiben, aber er wusste nicht worüber.

Dies war in der Vergangenheit keine Hürde gewesen, die er als unüberwindlich empfunden hätte. Oft entstanden seine Geschichten aus einem einzigen Satz – entwickelten sich beim Schreiben. So waren Erzählungen entstanden, deren Verlauf und Ende ihn selbst überrascht hatten, engen Freunden sagte er dann oft, die Geschichte hätte „sich selbst geschrieben“. Anderen Texten waren Überlegungen und Planungen vorausgegangen. Das Beunruhigende war jetzt, dass er zum ersten Mal seit er zurückdenken konnte weder einen Anfang fand noch irgendeine Vorstellung hatte, worüber er schreiben wollte.

Er sann über gelesene erste Sätze nach. The man in black fled across the desert … – hervorragend, aber nicht geeignet, denn gedanklich konnte er nichts an diese oder eine andere Flucht anschließen. Gustav Aschenbach oder von Aschenbach, wie seit seinem fünfzigsten Geburtstag amtlich sein Name lautete, hatte an einem Frühlingsnachmittag … auch keine Hilfe, denn wenn man nichts zu schreiben weiß, hat man keinen Namen, der am Anfang des Manuskriptes stehen kann. Jeden Morgen, wenn er das Funkhaus betreten hatte, unterzog sich Murke einer existentiellen Turnübung: er sprang in den Paternosteraufzug … doch woher einen Schauplatz wie das Funkhaus nehmen? Fest gemauert in der Erden steht die Form aus Lehm gebrannt … noch eine Sackgasse, aus der nur der Rückzug blieb.

Nichts wollte aus ihm heraus. Er war ein wortloser Autor. Er war ein sprachloser Schriftsteller. Der Begriff Schreibblockade tauchte mit zunehmender Häufigkeit in seinen Überlegungen auf. Er wies ihn zurück, verlachte ihn, zollte ihm keinerlei Respekt, doch ohne den gewünschten Erfolg. Aus Minuten wurden Viertelstunden, aus Viertelstunden ein schier endloser Vormittag. Schreibblockade. Schreibblockade. Du hast eine Schreibblockade.

Zum Trotz begann er, Sätze zu formen. Wie froh bin ich, dass ich hier bin! Schlimmster Feind, was ist das Herz des Menschen! Dich zu treffen, den ich so hasse … er hielt inne. Es war sinnlos, Goethe ins Gegenteil zu verkehren. Daraus würde nie eine Erzählung, die des Erzählens wert gewesen wäre. Schreibblocklade!

Die Frau im blauen Kleid floh über den Alexanderplatz und der Mechaniker folgte … mit Entsetzen betrachtete er dieses jämmerliche Plagiat und drückte erneut die Löschtaste. Schreibblockade. Du hast eine Schreibblockade.

Ich habe eine Schreibblockade. Er betrachtete den Satz und fand Gefallen an den vier Worten. Daher schreibe ich unter Nachkriegsbedingungen, leide Mangel an lebensnotwendiger Buchstabennahrung und unverzichtbarer Kapitelkleidung. Und doch werde ich überleben. Die Westmächte werden mir zu Hilfe eilen, mit Wortrosinenbombern und Satzüberlebensrationen.

Die Stirn gerunzelt las er die Zeilen, schüttelte den Kopf und schickte auch diesen Text ins unersättliche Datengrab. Die Westmächte nahmen ihn so wenig zur Kenntnis wie jene sprichwörtliche Muse, der er nie begegnet war, geschweige denn, dass er ihren Kuss auf den Lippen gespürt hätte. Oder küsste die Muse eher auf die Wange? Homer hatte eine Dreiheit von Musen gekannt, Hesiod sprach gar von neun verschiedenen Schutzgöttinnen der Künste. Mindestens drei von ihnen konnten einem Dichter zur notwendigen Inspiration verhelfen; vielleicht sollte er versuchen, Erato auf sich aufmerksam zu machen? Die Muse der Liebesdichtung … Liebesdichtung? Erdichtete Liebe oder Dichtung über die Liebe? Und welche Liebe? Die verhinderte, die einseitige, die erfüllte, die schal gewordene, die unersättliche, die hoffnungsvolle? Wie wählte man die Liebe aus, die zu beschreiben sich lohnte?

Vielleicht konnte der weise König Salomo ihn inspirieren, ihm wenigstens einen Anfang, ein paar erste Sätze schenken? Er nahm die Bibel aus dem Regal und blätterte, bis er den gesuchten Text fand. Er küsse mich mit Küssen seines Mundes, denn deine Liebe ist köstlicher als Wein. An Duft gar köstlich sind deine Salben; ausgegossenes Salböl ist dein Name. Darum lieben dich die Mädchen … konnte er die Bibelsprache übersetzen in einen zeitgemäßen Text? Köstlicher als Wein – das war auch heute noch verständlich. Die Sache mit dem Salböl schien schon schwieriger, doch das ausgegossene Salböl mit einem Namen zu verbinden schien ihm bereits unmöglich. Und überhaupt: Wieso stand da „er küsse mich“ und im nächsten Halbsatz „deine Liebe“? Er las weiter. Zieh mich dir nach, lass uns eilen! Der König möge mich in seine Gemächer führen! Wir wollen jubeln und uns freuen an dir, wollen deine Liebe preisen mehr als Wein! Mit Recht liebt man dich …

Erneut diese Verwirrung der Personen. „Der König“ soll sie ziehen, aber „deine Liebe“ ist des Rühmens wert. Er kapitulierte vor dem König Salomo und seiner Sulamith, vor dieser Liebe, die so geheimnisumwoben über acht Kapitel zu entbrennen schien und doch keine Erfüllung fand, denn schließlich bat die Liebende am Ende: Enteile, mein Geliebter, und tu es der Gazelle gleich oder dem jungen Hirsch auf den Balsambergen!

Er blickte auf die Uhr. Der viele Wein im Hohelied der Liebe brachte ihn auf den Gedanken, dass ein Glas Rotwein seine innere Verkrampfung lockern mochte. Es war 11 Uhr. Alkohol am Vormittag war ihm bisher fremd gewesen. So sollte es, befand er schließlich, auch bleiben.

Er stand auf und verließ sein Arbeitszimmer, stand dann unschlüssig im Flur. Die Küche lockte ihn nicht, er verspürte weder Hunger noch Durst. Im Wohnzimmer lud das Sofa zum entspannten Lesen ein, doch das hatte er schon in den letzten Wochen ausgiebig getan, ohne selbst eine einzige brauchbare Zeile zu schreiben. Musik hören – auch danach war ihm nicht zumute. Der Tag war nicht ungewöhnlich warm, doch fühlte er sich verschwitzt. Er ging schließlich ins Badezimmer und entledigte sich seiner Kleidung. Dann trat er unter die Dusche und überließ sich dem heißen Wasser, genoss das beinahe schmerzliche Brennen auf der Haut. Seinen verkrampften Schultermuskeln verschaffte die Hitze spürbare Erleichterung, tief atmete er die dampfgeschwängerte feuchte Luft. Er griff zum Duschgel und wusch gründlich seinen Körper, während seine Gedanken zurückeilten.

Vor nunmehr über zehn Jahren hatte seine Frau mit der Videokamera anlässlich einer Urlaubsreise das Ferienhaus aufgenommen und war just in dem Moment in das ländlich ausgestaltete Badezimmer gekommen, als er unter der Dusche stand. Sie hatte den Vorhang beiseite gezogen und ließ die Kamera langsam an seinem nassen Körper nach unten gleiten, hielt jedoch inne, bevor das Bild die Region erfassen konnte, die Dritten nicht zu zeigen war. Sie schwenkte die Kamera zurück zu seinem Gesicht und widmete sich dann weiteren Räumen ihres Domizils.

Er lächelte anlässlich der Erinnerung und schloss die Augen, um die Seife aus den Haaren zu spülen. Er verharrte noch einige Augenblicke mit geschlossenen Lidern im heißen Wasserstrahl, bevor er sich abtrocknete und das Fenster öffnete, damit die feuchte Luft entweichen konnte.

Vielleicht konnte er eine Kurzgeschichte über einen Mann in der Dusche schreiben? Eine Figur ersinnen, die wegen der Seife die Augen geschlossen hielt und nicht bemerkte, dass jemand das Badezimmer betreten hatte? Dies eröffnete zahlreiche Möglichkeiten. Von der schönen und liebeswilligen Unbekannten bis zum feindlichen Agenten, der einem Mordauftrag nachzukommen gedachte. Von der Dusche konnte die Erzählung in ein wahlweise modernes oder altertümlich eingerichtetes Schlafzimmer führen, oder nach blutigem Zweikampf die Flucht vor weiteren übel gesonnenen Zeitgenossen schildern. Natürlich konnte auch das Badezimmer der einzige Schauplatz bleiben, auf welchem sich Zärtlichkeit oder Brutalität ereignen würde.

Ohne sich anzukleiden ging er zurück zu seinem Arbeitsplatz und begann, zu schreiben: Der Mann stand mit zusammengekniffenen Augen unter der Dusche. Schaum glitt über seine Schultern am Körper hinab, das Rauschen des Wassers überlagerte das leise Knarzen der Klinke jenseits des Duschvorhangs. Behutsam wurde die Tür geöffnet und mit geräuschlosen Schritten trat eine Gestalt in den Raum. Als der Mann den Luftzug auf der nassen Haut verspürte, wischte er notdürftig den Schaum aus den Augen und blickte in ein fremdes Gesicht. Vor ihm stand …

Weiter kam er nicht. Stand da eine Frau oder ein Mann? Jung oder alt? Bedrohlich oder anziehend? Schreibblockade! Du hast eine Schreibblockade.

Vor ihm stand eine junge Frau in einem leichten Sommerkleid, die mit verheißungsvollem Lächeln seine Blöße betrachtete.

Er löschte den Satz. Solch plumpe Formulierungen lagen ihm fern.

Vor ihm stand ein Herr mittleren Alters in einem tadellosen Abendanzug, der eine Pistole auf ihn gerichtet hielt.

Er tilgte auch diesen Satz und gab die Geschichte auf. Er war sprachlos. Wortlos. Satzlos. Inspirationslos. Musenlos.

Ein Spaziergang mochte Ablenkung bringen, so zog er sich schließlich wieder an und verließ ziellos das Haus. Aufmerksam musterte er die Menschen, die ihm begegneten, mochte doch aus einer zufälligen Begegnung eine Geschichte erwachsen, die zu erzählen lohnte. Ein Gesicht möglicherweise, dessen Ausdruck Rückschlüsse auf die erwartungsfrohe Stimmung zuließ, deren Grund Inhalt einer Geschichte sein konnte. Ein ungewöhnliches Bekleidungsstück, dessen Herkunft der Phantasie eine Erforschung gestattete. Ein Paar, dem die Liebe oder der Streit, deren Historie berichtenswert war, von weitem angesehen wurde. Eine einsame Person, deren Verlorenheit in der Welt er literarisch nachforschen konnte. Ein Kind, das Gedanken nachhing, die ungewöhnlich weit über sein Alter hinauswuchsen.

Er ging eine Stunde durch die Straßen, ohne dass auch nur die geringste Beobachtung ihn hätte interessieren oder gar inspirieren können.

Zurück am Schreibtisch öffnete er einige alte Dateien, überfolg sowohl gelungene als auch eher durchschnittliche Texte, die er geschrieben hatte. Doch auch das brachte ihn nicht weiter, führte nicht zu neuen Ideen oder alten Ideen, die er hätte frisch verpacken können. Im Grunde genommen gab es nicht viele Geschichten, es gab nur ein paar, die von vielen Autoren immer wieder in Variationen und mit unterschiedlichen Ausschmückungen erzählt wurden. Diese Handvoll Geschichten war nie langweilig geworden. Sicher gab es missglückte Ansätze und erbärmliche Versuche, peinliche Entgleisungen sowohl inhaltlicher als auch stilistischer Ausprägung. Daneben gab es aber die vielen hervorragenden Beispiele, wie man von der Liebe oder dem Kampf zwischen Gut und Böse berichten konnte, oder von Kombinationen dieser beiden Grundmuster. Eigentlich, überlegte er, gab es nur diese beiden Geschichten. Gut gegen Böse und die Liebe an und für sich – und das, was das Leben oder die Phantasie aus diesen Zutaten zu mischen vermochte.

Die Phantasie jedoch ließ ihn seit Wochen im Stich und das Leben mischte ebenfalls nichts, was er als Stoff für einen Text hätte erkennen können. Dabei warteten, das wusste er, zumindest seine treuen Leserinnen und Leser auf einen neuen Text. Er hatte in der Verlegenheit bereits ein Kapitel aus einem unvollendeten Buch als Auszug veröffentlicht, und dann noch ein Kapitel aus einem früheren Roman nachgeschoben, der inzwischen vergriffen war. Doch das waren Notlösungen, die ihn nicht zufrieden stellen konnten. Er wollte schreiben, aber er fand nur Dürre, wo sonst ein Brunnen der Inspiration gesprudelt hatte.

Er sah erneut auf die Uhr und befand, dass es nun angemessen spät war. Er schlenderte in die Küche, musterte das Weinregal und entkorkte schließlich eine Flasche französischen Rotwein, schenkte sich ein Glas ein und trank einen Schluck.

Dann ging er mit Glas und Flasche zurück zum Computer, öffnete entschlossen ein leeres Dokument und begann zu schreiben:

Die Finger bewegten sich nur Zentimeter über der Tastatur, doch fanden sie kein Ziel. Es mangelte an Befehlen vom Gehirn, weil dem Gehirn Worte mangelten, die niederzuschreiben sich gelohnt hätte …

***

Written by Ronald

3. Februar 2010 at 08:13

Kurzgeschichte – Eine Frage der Zeit

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Die Füße der Sterne

Patricia Koelle: Die Füße der Sterne

Eine Frage der Zeit

© Patricia Koelle

Er würde wieder Unmögliches von mir verlangen. Ich sah es an Ekki Priemers betont gleichgültigem Gesicht, als er am Montagnachmittag mit den Händen in den Taschen auf meinen Schreibtisch zugeschlendert kam.

Keine Ahnung, wie er darauf gekommen war, dass Julius Anwander zu einem der wirren und weitläufigen Zweige meiner Familie gehörte. Aber Priemer ist Herausgeber der Lokalzeitung, und es ist sein Job, alles zu wissen. Vor allem die Dinge, die er nicht wissen soll.

Und er ist mein Chef.

„Karla“, sagte er, „Sie haben doch Semesterferien.“

Da er das schließlich ganz genau wusste, konnte ich es schlecht abstreiten.

„Ich muss für eine Prüfung lernen“, sagte ich.

Er wischte diesen Einwand mit einer Handbewegung beiseite. „Das können Sie auch woanders. Ich möchte, dass Sie ein paar Tage wegfahren. Da gibt es dieses idyllische Nest. Altenholz. Und genau da lebt dieser merkwürdige Kauz, dieser Anwander, der niemanden an sich heranlässt.“ Er beugte sich blitzschnell zu mir herunter und bohrte seinen Haifischblick in meine Augen. „Aber Sie wird er lassen. Ich weiß, dass Sie mit ihm verwandt sind. Es ist mir gleich, wie weit entfernt.“

„Ich kenne ihn aber nicht. Wer ist das?“

„Tun Sie nicht so unschuldig“, zischte er. „Selbstverständlich haben Sie von ihm gehört. Auch in Ihrer Familie gibt es Klatsch und Tratsch. Der war Arktisforscher und dann hat er diese Bücher geschrieben, die die Leute verzaubert haben, bevor sie sie wieder vergaßen. Über erschreckend kurze Tage und ewige Nächte, über Nordlichter, die ihn mit ihrer Schönheit zum Heulen brachten, über großartige Begegnungen mit Eisbären, leuchtenden Algen, Eiswürmern und dem Alleinsein mit sich selbst und seiner Angst in einer ungeheuren Weite. Er hat siebzehn verschiedene Blautöne in einem einzigen Eisberg gefunden. Er hat die Schwierigkeiten, auf treibenden Eisschollen meteorologische Instrumente vor einem Publikum aus neugierigen Seehunden aufzubauen, so beschrieben, dass die Menschen Tränen lachten. Aber er hat sich nie zu Lesungen überreden lassen. Nicht einmal zu Interviews.“

„Und was ist jetzt der aktuelle Bezug?“, wollte ich wissen. „Hat er ein neues Buch geschrieben?“

„Nein. Man hat seit Jahren nichts von ihm gehört. Aber Klimawandel, Gletscherschmelze, Erhöhung des Meersspiegels, Sie wissen schon. Ist doch hochaktuell. Vielleicht hat der verrückte Kauz was dazu zu sagen, was die Leute verstehen. Die Experten im Fernsehen faseln Fachchinesisch. Damit kann keiner was anfangen. Anwander ist einer, der die Leute berühren kann.“

„Offenbar will er aber nicht mehr.“

„Dann bringen Sie ihn dazu, Frau März. Oder liegt Ihnen nichts mehr an Ihrer Arbeit bei uns?“ Er roch nach alten Zwiebeln.

Am liebsten hätte ich ihn frech angegrinst und meinen Schreibtisch geräumt. Aber leider brauchte ich den Job. Auch wenn es nur die Lokalzeitung war. Priemer war anerkannt, die Zeitung hatte einen guten Ruf. Ich brauchte Erfahrung und Referenzen, wenn ich eine erfolgreiche Journalistin werden wollte. Das Geld übrigens auch.

Natürlich kannte ich die Bücher von Julius Anwander. Seinetwegen hatte ich sogar einmal Arktisforscherin werden wollen. Na gut, da war ich dreizehn. Aber einen Rest von Bewunderung und Begeisterung konnte ich durchaus wiederfinden.

Nur hatte Julius keinem Mitglied seiner umfangreichen Familie jemals ein Zeichen gegeben, dass er bewundert werden wollte. Oder befragt.

Wie diese Geschichte weitergeht, erfahren Sie in dem Buch

Patricia Koelle
Die Füße der Sterne

ISBN 978-3-939937-04-3

Die Füße der Sterne

Patricia Koelle: Die Füße der Sterne

Kurzbeschreibung
Die Sterne vom Himmel zu holen scheint unmöglich, doch manchmal sind sie plötzlich greifbar. Patricia Koelles Geschichten spüren sie dort auf, wo man sie nicht vermuten würde: oft mitten im angeblich grauen Alltag oder nur ein paar Schritte um die Ecke.

Klappentext
Abenteuer kann man erleben, ohne in der Ferne suchen zu müssen, und Helden finden sich häufig auf der Straße oder im Büro. Auch wenn diese Helden Falten im Gesicht oder ein Tattoo auf dem Arm haben und man sie erst spät erkennt, sind sie es doch wert, dass man ihnen eine Geschichte widmet. Vielleicht gehören wir ja selbst dazu. Für einen Hausmeister ändert sich das Leben, nur weil er einmal schwimmen geht. Ein Student begegnet jemandem, der furchterregend erscheint und den er schließlich aus ganz anderen Gründen nie vergessen wird. Eine Journalistin droht an der Zeit zu scheitern und entdeckt, dass diese verschiedene Farben hat und dass sich hinter jeder Farbe andere Möglichkeiten verbergen. Die Erfüllung eines Lebenstraums kann sich in einem braunen Pappkarton verbergen. Und ein einziger Mensch kann bewirken, dass sich die Sterne anders benehmen als sonst. Patricia Koelles Geschichten sind eine Lupe, die sichtbar werden lässt, wie groß Kleines sein kann. Es sind Geschichten für das verträumte Ende eines Feierabends, den Beginn eines Wochenendes oder die Bahnfahrt zur Arbeit. Geschichten von Himmel, Meer und Erde. Geschichten zum Lächeln, zum Nachdenken, zum Gesundwerden, zum Verschenken, voller Hoffnung und realistischem Zauber.

Kurzgeschichten:
www.online-roman.de
www.kurzgeschichten-verlag.de
Kurzgeschichten-Forum.

Written by Ronald

2. Oktober 2008 at 11:52

Kurzgeschichte – Viktors Größe

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Die Füße der Sterne

Patricia Koelle: Die Füße der Sterne

Viktors Größe

© Patricia Koelle

Es war so heiß, dass der Asphalt Sorgenfalten warf und mein Schweiß in die staubige Auguststille tropfte. Ich hob die Schaufel nur noch mechanisch. Die ganze Stadt um uns herum schien in einer regungslosen Mittagspause zusammengesunken, doch wir mussten mindestens noch drei Meter graben. Ingmar, der sich vom anderen Ende her auf mich zu arbeitete, hatte seinen Spaten fallen lassen und brachte mir die fünfte Wasserflasche des Tages. Ich schmeckte Sand auf der Zunge und sehnte mich danach, dass an der Uni das Semester wieder begann. Aber ich brauchte diesen Sommerjob. Wir waren dabei, die Mauer zu sanieren, die die Grenze zwischen dem Fabrikgelände und einer Obdachlosenherberge markierte. Dazu mussten wir den Boden am Fundament entlang einen Meter tief ausheben. Ich war froh, dass wir jetzt auf dieser Seite zu tun hatten. Das Grundstück der Fabrik war fast lückenlos zubetoniert, sodass das Hitzeflirren darüber zwar das strenge Gebäude wie eine versöhnliche Illusion erschienen ließ, der Luft aber jede Tauglichkeit zum Einatmen nahm. Um die Herberge hingegen breitete sich ein von jeder Pflege ungestörter Garten aus, der mir wie das Paradies selbst erschien, weil er beinahe grün war und nach den überreifen Äpfeln roch, die im Gras lagen.

Ingmar reichte mir die Flasche und nahm einen tiefen Schluck aus seiner eigenen. „Glaubst du, wir schaffen das noch diese Woche?“ Zweifelnd betrachtete er die Erdberge, die wir aufgeworfen hatten.

Plötzlich weiteten sich seine Augen. Angestrengt sah er über meine Schulter hinweg. „Vorsicht, Ralf!“, sagte er unterdrückt.

Hastig drehte ich mich um, während ein Schatten auf mich fiel. Ich bin mit meinen einsachtzig kein Zwerg, aber um dem Mann, der vor mir stand, ins Gesicht sehen zu können, musste ich den Kopf in den Nacken legen. Hinter meinem Rücken griff ich instinktiv nach meinem Spaten, obwohl mein unerwartetes Gegenüber diesen wahrscheinlich mit einer Hand zerbrechen könnte. Sein zerfranstes Unterhemd ließ keinen Zweifel offen, was seine Muskeln anging, und außerdem war er etwa doppelt so breit wie ich. Er war von unten bis oben tätowiert; Seeschlangen, Meerjungfrauen, Drachen und Haifische stritten sich auf Bizeps, Brust und Beinen um den immerhin beträchtlichen Platz. Durch seine rechte Augenbraue lief schräg eine Narbe. Sie verlieh ihm den Ausdruck, als würde er mich jeden Moment etwas Dringendes fragen. Er zog seine Hose hoch, spuckte über die Mauer und räusperte sich. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Ingmar hinter mir einen Schritt zurück trat.

Der bunte Hüne bückte sich leicht und sah mir forschend ins Gesicht. „Hast du Regenwürmer gefunden?“, fragte er leise.

Ich war so verblüfft, dass ich erst mal einen Schluck aus der Flasche nahm, ohne ihn aus den Augen zu lassen.

„Du musst doch Regenwürmer gefunden haben!“, sagte er bittend.

Ich konnte mich nicht erinnern, welche gesehen zu haben. „Nein, tut mir leid“, sagte ich höflich. „Willst du angeln gehen?“

„Angeln!“ Kopfschüttelnd ging er an uns vorbei.

Wir sahen ihm nach, während er entlang der Mauer die Erdhaufen untersuchte.

Wie diese Geschichte weitergeht, erfahren Sie in dem Buch

Patricia Koelle
Die Füße der Sterne

ISBN 978-3-939937-04-3

Die Füße der Sterne

Patricia Koelle: Die Füße der Sterne

Kurzbeschreibung
Die Sterne vom Himmel zu holen scheint unmöglich, doch manchmal sind sie plötzlich greifbar. Patricia Koelles Geschichten spüren sie dort auf, wo man sie nicht vermuten würde: oft mitten im angeblich grauen Alltag oder nur ein paar Schritte um die Ecke.

Klappentext
Abenteuer kann man erleben, ohne in der Ferne suchen zu müssen, und Helden finden sich häufig auf der Straße oder im Büro. Auch wenn diese Helden Falten im Gesicht oder ein Tattoo auf dem Arm haben und man sie erst spät erkennt, sind sie es doch wert, dass man ihnen eine Geschichte widmet. Vielleicht gehören wir ja selbst dazu. Für einen Hausmeister ändert sich das Leben, nur weil er einmal schwimmen geht. Ein Student begegnet jemandem, der furchterregend erscheint und den er schließlich aus ganz anderen Gründen nie vergessen wird. Eine Journalistin droht an der Zeit zu scheitern und entdeckt, dass diese verschiedene Farben hat und dass sich hinter jeder Farbe andere Möglichkeiten verbergen. Die Erfüllung eines Lebenstraums kann sich in einem braunen Pappkarton verbergen. Und ein einziger Mensch kann bewirken, dass sich die Sterne anders benehmen als sonst. Patricia Koelles Geschichten sind eine Lupe, die sichtbar werden lässt, wie groß Kleines sein kann. Es sind Geschichten für das verträumte Ende eines Feierabends, den Beginn eines Wochenendes oder die Bahnfahrt zur Arbeit. Geschichten von Himmel, Meer und Erde. Geschichten zum Lächeln, zum Nachdenken, zum Gesundwerden, zum Verschenken, voller Hoffnung und realistischem Zauber.

Kurzgeschichten:
www.online-roman.de
www.kurzgeschichten-verlag.de
Kurzgeschichten-Forum.

Written by Ronald

28. September 2008 at 12:56

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